November 28, 2021

Trauerrede.

Trauerrede zu Annas Beisetzung am 27.11.2021 Friedhof Altenkrempe. Da ich mir nicht sicher war, ob ich es schaffe, die Rede in der Kirche zu halten, habe ich sie vorher aufgenommen und beim Gottesdienst abgespielt. Ihr könnt die Rede also lesen, oder hören (oder beides). Bericht zur Beisetzung und alles Andere folgt später...

 


Mich lässt der Gedanken an den Tod in völliger Ruhe. Ist es doch so wie mit der Sonne:
Wir sehen sie am Horizont untergehen,
Aber wir wissen, dass sie drüben weiterscheint.
Johann Wolfgang von Goethe

Anna ist wie ein Licht, sagte Eleni, als wir vor 8 Wochen auf Kreta waren. Sie ist wie ein Licht um das sich die Menschen sammeln. Wo Anna ist, sind Menschen, und alle fühlen sich willkommen. Sie hat so ein großes Herz, eine solche Offenheit, eine solche unverfälschte Echtheit. Man möchte einfach bei ihr und mit ihr zusammen sein.

Egal wo Anna war, sie war immer das Zentrum, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Sie nahm sich selber nicht wichtig, aber die Menschen um sich herum. Ihre unbändige Lebensfreude übertrug sich unmittelbar auf die Menschen, mit denen sie zusammen war. So war die Schulküche in Marburg das Herz der Schule, jedenfalls solange sie da war. Sie war das Herz, das für die anderen schlug. Mit enormen Fürsorge, mit einem offen Ohr für jeden anderen und seinen Problemen, ganz gleich wie stressig es gerade war. Sie ließ jeden so sein wie er ist, wollte niemanden verändern, respektierte die jeweilige Persönlichkeit mit all ihren Unzulänglichkeiten.
Was Anna nicht so wichtig war, war sie selbst. Sie hasste es zu grübeln und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das hat sie erst durch ihre Krankheit gelernt. Aber gerne hat sie es nicht gemacht. Ihr unzerstörbarer Optimismus und ihre unfassbare Positivität, allen Unzulänglichkeiten des Lebens zum Trotz, sind und werden für viele Menschen ein leuchtendes Beispiel sein. Starrköpfig war sie, wenn sie sich etwas vorgenommen hatte und ihre Zielen nachstrebte, wie bei ihrem Plan das Rapunzel-Schlösschen in Amönau zu kaufen.
Anna konnte nicht gut alleine sein, sie brauchte Menschen, oder wenigstens Tiere um sich herum. Am liebsten traf sie sich, wenn sie den ganzen Tag in der Schulküche mit unzähligen Menschen zusammen gewesen war, am Abend noch mit Freunden, während ich dann froh war einfach mal meine Ruhe zu haben und nur mit ihr zusammen zu sein.
Egal mit wem sie Kontakt hatte, immer achtete sie darauf, niemanden zu verletzen oder in eine andere Richtung zu drängen. Wenn es doch einmal passierte und es ihr dann bewusst wurde, hat sie das lange umgetrieben und sie konnte es nicht ertragen, bis die entsprechenden Unstimmigkeiten ausgeräumt waren. Auch in ihrer letzten Zeit, hat sie noch alle Dinge erledigt die evtl. zwischen ihr und einem anderen Mensch standen. Das war ihr ungeheuer wichtig! Nichts belastendes hinterlassen, nichts ungesagt lassen, alles Unausgesprochenes auszusprechen und inneren Frieden zu schaffen. Sie hasste es zu streiten, oft gab sie nach und war zufrieden damit, wenn der andere sich besser fühlte.
Egal wohin sie ging, immer hatte sie ein Buch dabei. Selbst wenn sie nur Zeit hatte 2 Sätze zu lesen. Bücher mussten sein, ihre Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen und nicht ins Grübeln zu kommen. Wie schön war es einfach neben ihr zu sitzen, wenn sie las.

Als unserer Hausarzt bei ihr war um sich zu verabschieden und ihr zu danken, dass er ihr Arzt sein durfte, war Anna schon nicht mehr wach im Hier und Jetzt. Als er dann kam um den Tod festzustellen sagte er, was man von Anna lernen kann ist, wie man mit einer Krankheit umgeht. Die letzten Jahre, eigentlich seit 2016 waren harte Jahre für Anna. Der Umzug nach Norwegen, das neue Zuhause 2017, all das half Anna, aber die schlechten Nachrichten, was ihre Gesundheit betraf, rissen ja einfach nicht ab. Mit großer Bewunderung schauten die Ärzte und Krankenschwestern im der Krebsabteilung des Krankenhauses auf Anna. So etwas hätten sie noch nicht erlebt, sagten sie oft, dass jemand so optimistisch und positiv mit einer so ernsten Krankheit umgeht. Sich nicht unterkriegen lässt, immer weiter nach vorne schaut. Als dann der Hirntumor dazu kam, wurde es für Anna noch schwieriger, aber selbst da sah sie noch eine Zukunft für uns. Jedenfalls wünschte sie sich die. Anna hatte keine Angst vor dem Tod, ihr großer Kummer war, was mit uns geschieht. Mit Titia und Friedrich, mit Gunvor und mit mir. Sie war sich nicht sicher, ob wir das schaffen oder an ihrem Fortgang zerbrechen würden. Wir haben viele Gespräche darüber geführt und es hat lange gedauert, bis ich Anna überzeugen konnte, dass es zwar unglaublich schwer wird, wir aber, nach einiger Zeit, auch selber wieder positiv in die Zukunft blicken würden und das wir aufeinander aufpassen, uns stützen und zusammenhalten. Das hat sie schließlich sehr beruhigt. Auch in ihren letzten Tagen, als sie mit dem Tode kämpfte, hatte man den Eindruck, dass sie sich auf jeden Fall so lange Zeit lassen wollte, bis wir soweit waren. Bis wir uns verabschiedet hatten und dazu bereit waren, sie gehen zu lassen.
Ich bin so froh, dass wir ihr den Wunsch erfüllen konnten, noch einmal nach Kreta zu fahren. Es ist nicht zu glauben, am 9. Oktober saß Anna am Strand und ließ sich die Füße von 27 Grad warmen Mittelmeer umspülen. Schwimmen ging nicht mehr. Wie hat sie dass genossen, selbst wenn sie etwas wehmütig daran dachte wie sie früher im Meer geschwommen war. Wenn ich das heute betrachte und sie am Strand sitzen sehr, so war das ein Abschied nehmen, von Kreta und vom Leben. Als wir uns unter Tränen von unseren Freunden in Koutsounari verabschiedeten, da haben wir gesagt, vielleicht schaffen wir es ja Ostern noch mal. Das machte es leichter. Nachdem sie sich den Wunsch mit Kreta erfüllt hatte, ging es schnell bergab, aber Anna hat die Sonne und das Licht dieser besonderen Insel mit sich getragen.
Irgendwann in den letzen Wochen saßen wir draußen, Anna hatte irgendeinen Wunsch, wollte irgendetwas haben, wahrscheinlich eine Wärmflasche oder so... Als ich kam um es ihr zu bringen, schaute sie mich mit funkelnden Augen an und sagte: „Du bist so nützlich!“. Seitdem war ich ihr nützlicher Mann und dieser Spruch begleitete uns bis zum Schluss. Er brachte eine Heiterkeit zurück, die dem Ernst der Situation oft nicht angemessen war, aber wir haben es genossen!
Feiert mein leben, wenn ich gegangen bin, betrauert nicht meinen Tod, hat Anna sich gewünscht.

Sie wollte unbedingt ein spezielles Lied gespielt haben, es heißt: "Ihr sollt nicht trauern" (von Santiano) das wir nachher, wenn wir uns auf dem Hof treffen, natürlich auch spielen werden. Ich will eine Party, keine Trauerfeier. Soll sie haben! (Deshalb laden wir Im Anschluss alle Anwesenden ganz herzlich zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken auf Hof Eichwerder ein).

Alle Beschreibungen werden dieser wunderbaren Frau nicht gerecht. Anna muss man erlebt haben und zum Glück waren es unfassbare viele Menschen, die sie erleben durften.

Mein Schatz, mein Engel, Licht meines Lebens:
Was von dir bleibt ist deine Liebe und das Strahlen in den Augen derer, die von Dir erzählen.

Und es werden viele strahlende Augen sein, weil Du so vielen Menschen so viel Gutes gebracht hast.
God tur, mein Schatz!
Ich liebe Dich!

Dein nützlicher Mann.

Meine Seele folge dir in Geistgebiete,
Folge dir mit jener Liebe,
Die sie hegen durfte im Erdgebiete,
Als mein Auge dich noch schaute, Lindre dir Wärme, lindre dir Kälte.
Und so leben wir vereint Ungetrennt durch Geistestore

14 Comments on “

  1. Lieber Tim, liebe Titia, lieber Friedrich ganz herzliches Beleid und viel Kraft für die kommende Zeit. Wir waren immer in Gedanken bei euch. Viele herzliche Grüße aus Zickzack Annette, Paul, Jakob, Emma und Lucy

  2. Es war eine sehr schöne Rede. Und wie Titia sagte: es sollte mehr Annas in dieser Welt geben, dann wäre es eine lebensfrohere Welt. Es ist sehr schade, dass sie uns so früh verlasen musste.

  3. Lieber Tim,
    deine Rede hat mich sehr beruehrt!
    Das hast Du ganz wunderbar gemacht und ich bin mir sicher, dass Ihr alle in Anna’s Sinn weitermachen werdet !
    Anna hinterlaesst Spuren, das ist doch das Schoenste. Ich werde mich immer liebevoll an sie erinnern.
    Alles Liebe fuer Dich, Titia und Gunvor und herzliche Gruesse aus Kreta, Johanna

  4. Lieber Herr Trepte, lieber Tim,
    Ich kann mein Bedauern kaum in Worte fassen. Umso mehr gefällt uns deine Trauerrede.
    Wir senden dir, Titia und Friedrich weiterhin positive Gedanken.
    Shawn und Andrea aus Marburg

  5. Lieber Tim, liebe Titia, lieber Friedrich,
    auch wir möchten unser tiefstes Mitgefühl zum Ausdruck bringen
    und euch Kraft und Zuversicht wünschen.
    Wir werden Anna in guter Erinnerung bewahren.
    Eine wunderbare Trauerrede!
    Ulla Wesemeyer und Familie

  6. …ich bin berührt und habe einen dicken Kloß im Hals… wir haben uns nie persönlich kennengelernt.. wir durften in euren Haus auf Kreta einen wunderschönen Urlaub verbringen. Das Haus war so liebevoll eingerichtet und hat von euch ganz viele Tipps enthalten… seitdem verfolge ich euren Blog… und gaaaanz besonders war ich in Gedanken.. und das sogar bildlich… bei eurer letzten Reise nach koutsounari… ich kenne den Platz, wo ihr im Meer wart… ich freue mich unglaublich, dass ihr diese Momente mitnehmen konntet… wer Kreta kennt… weiß was ich meine… herzliche respektvolle Grüße aus Cölbe . Ellen und Günter

  7. Kjære Tim. Både talen din her og beskrivelsen din av Annas siste dager på jorden var svært rørende å lese. Dere har vært i tankene mine de siste ukene, og selv om jeg ikke kjente Anna i særlig grad forstår jeg ut fra det jeg har sett, hvor viktig hun var i verden, for deg, for vennene for dyrene deres, for mange barn og voksne på skolen vår. Du fremstår både sterk og modig som står i det som du gjør så ærlig og åpen. jeg ønsker meg at jeg er en av dem som kan være der litt når tussmørket senker seg over Sørlandet og deres lille slott. Gleder meg til å se deg!

  8. Lieber Tim,
    beim Zuhören und Mitlesen kamen mir die Kursabende in Marburg in Erinnerung und dachte: Genau so! Genauso war Anna! Immer lebensfroh, immer offen, immer echt und v.a. positiv, positiv und nochmal positiv.
    Es ist eine sehr bewegende Rede über Annas Erkrankung, aber umsomehr -wie ich finde- eine sehr schöne und liebevolle Rede über Anna selbst mit all ihrem besonderen und herzlichen Wesen.
    Ein Trost mag sein, dass sie bei so vielen Menschen in Erinnerung bleiben und Spuren hinterlassen wird, aber wie unermesslich groß der Verlust für dich und die Familie dennoch ist kann ich nur erahnen und es tut mir sehr sehr leid, dass deine geliebte Anna nicht mehr bei euch ist.
    Mit aufrichtiger Anteilnahme von Herzen
    Volker

  9. Das hast du ausgezeichnet gesagt, lieber Tim! In jeder Hinsicht tief wahr und innigst zu Herzen gehend. Genauso werde ich Anna in Erinnerung behalten. Vielen lieben Dank für deine Worte und auch dafür, dass ich sie auf diese Weise miterleben darf! Herzlichst, Dirk

  10. Lieber Tim. Ich habe erst jetzt durch den Newsletter von Annas Abschied erfahren und bin sehr getroffen. Die Welt ist ärmer geworden. Mein herzliches Beileid. Sie lebt weiter in unseren Herzen.
    Liebe Grüße, Jannis

Schreibe einen Kommentar zu Volker Bätzel (ex-norskkurs) Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.