Dezember 1, 2021

Annas Abschied. Trauerrede von Titia.

Titia hat die folgende Rede auf der Feier nach Annas Beisetzung gehalten:

Inzwischen sind Friedrich und ich in der zugegeben besonderen Lage auch nach einem so… viel, viel zu frühen Abschied auf unsere Eltern gleichermaßen zurückzusehen und die ganze Zeit, die wir mit ihnen hatten und je haben werden, zu überblicken. Wir können für uns erfassen was sie uns jeweils geschenkt haben, was wir von ihnen mitgenommen haben und was von ihnen uns unser ganzes Leben lang begleiten wird.
Unsere Eltern, Anna und Matthias, waren grundverschieden in so vielen Dingen. Als sie geheiratet haben, war Anna gerade halb so alt wie Matthias und selbst für ihr Alter war sie immer jung und modern. Matthias war selbst für sein Alter sehr traditionell. Er hat immer mit Respekt zurück geblickt und Anna hat den Blick mit offenem Herzen nach vorne gerichtet. Matthias hat uns Sicherheit, Ruhe und Stabilität vermittelt, Anna Freiheit, Liebe und Freude. Matthias war der feste Stand, Anna war der gen Himmel gerichtete Blick. Natürlich war es nicht so schwarz-weiß wie es jetzt vielleicht klingt. Auch Matthias war voller Liebe, vor allem für seine Familie und auch Anna hatte einen festen Stand; sie hat sich davon aber nicht abhalten lassen diesen Stand auch zu lösen und an einen anderen Ort zu gehen. Man darf die Richtung ändern, man muss nicht aus Prinzip bei dem bleiben, was man sich einmal ausgesucht hat. Man muss treu, stark und ehrlich sein, vor allem auch sich selbst gegenüber. Man muss seine Grenzen kennen und zur Not muss man sie verschieben und an das anpassen, was man erreichen will. Wenn man es wirklich will. Wenn man es liebt. Denn man muss tun was man liebt und lieben was man tut. Annas Antwort auf die Fragen „willst du für die Arbeit leben oder für das Leben arbeiten?“ war immer: „Ich will eine Arbeit, die ich so liebe, dass ich wirklich für sie leben will.“

Liebe, Freiheit und Freude.
In unserer Kindheit in Dexbach hatte Anna es nicht immer leicht. Ihre Beziehung zu unserer Großmutter, ihrer Schwiegermutter, war schwierig. Sie hatte da einen Mann geheiratet, den sie sehr liebte und der sie sehr liebte, der aber fast das genaue Gegenteil von ihr war, sich ganz andere Prioritäten gesetzt und nach anderen Standards gelebt hat.
Dexbach hat nicht mal 300 Einwohner und ist so ab vom Schuss, dass man eine Fahrt in die Stadt meistens einfach planen muss. Man fährt nicht mal eben in die Stadt, um sich in ein Café zu setzen, einen Cappuccino zu trinken und ein Buch zu lesen, denn man ist insgesamt eine Stunde von diesem Ausflug im Auto. Die meisten dieser 300 Einwohner von Dexbach haben auch die Entscheidung für sich getroffen nach Dexbach zu kommen; die meisten sind sehr zufrieden damit unter sich zu sein und brauchen weder große Treffen noch regelmäßigen Besuch. All das war einfach so gar nicht Mutti. Mutti liebte Leben um sich herum und wo sie konnte, hat sie das irgendwie auf die Beine gestellt. In Dexbach war das so aber kaum möglich, weil sie im Grunde ein Gesellschaftsmensch unter Einzelgängern war. Dazu waren Matthias und seine Mutter oft einfach nicht zuhause. Man war in Frankreich oder Ägypten oder Georgien… überall auf der Welt wurden Vorträge gehalten und immer wenn es wieder Zeit dafür war, war Anna in Dexbach allein mit Friedrich und mir. Und, obwohl das alles Anna furchtbar zugesetzt hat, haben Friedrich und ich nie etwas anderes als Liebe von ihr bekommen. Anna hat für Friedrich und mich in Dexbach, einem Ort, den zu besuchen ihr danach so schwer fiel, weil er für sie selbst so viel Frustration und Einsamkeit bedeutet hat, etwas geschaffen, das vor Liebe überquoll. Ich weiß nicht wie ich in Worte fassen kann, was Anna dort geleistet hat. Sie war jünger als ich jetzt bin, sie war eine Mutter, sie war so viel allein und das was sie gemacht hat ist: lieben.

Annas Liebe war nie… von oben herab. Also ich meine, sie hat einen mit ihrer Liebe nicht für sich beansprucht. Sie war immer auf Augenhöhe, soweit das irgendwie möglich war. Mit Friedrich und mir hat sie gesprochen wie mit Gleichgesinnten, auch schon sehr früh. Wir haben uns von ihr ernstgenommen gefühlt und hatten die Freiheit mit ihr über alles zu sprechen. Es gab wenige „peinliche“ Themen, auch als wir in dem Alter der „peinlichen Themen“ waren, weil hinter allem so eine Selbstverständlichkeit lag, dass es einfach nicht notwendig war bestimmte Themen auszuklammern. Das hat uns sehr viel mitgegeben. Man geht anders in die Welt, wenn man weiß, dass es ok und normal ist zu sein wie man ist und zu tun was man tut. Man steckt sich selbst weniger in Stereotypen, wenn man nie das Gefühl bekommt, dass es komisch ist Schubert zu singen und Motorrad zu fahren und Schriftsteller werden zu wollen. Wenn man ernstgenommen wird als der, der man ist, kann man sein, wer man sein will und tun, was man tun will.
Diese Liebe auf Augenhöhe war etwas, das Anna und Matthias lange nicht hatten. Matthias war wie gesagt bedeutend älter und hat immer ein wenig die Position als Beschützer eingenommen. Sie hat mehr zu ihm aufgesehen als ihm in die Augen zu blicken. Erst als beide sich getrennt haben und Anna mit Tim zusammen gekommen ist, konnten beide eine Liebe entwickelt, eine platonische Liebe, die auf Augenhöhe stattgefunden hat. Ich bin davon überzeugt, dass das das Beste ist, was den beiden passieren konnte, denn diese Freundschaft, die beide nach der Scheidung geschlossen haben, war so tief und so wertvoll wie sie sein konnte. Als Anna erkrankt ist, hat das Matthias unfassbar tief getroffen. Ich habe ihn nur zweimal in meinem Leben wirklich herzlich weinen sehen und einmal war der Punkt, an dem Anna die erste Diagnose bezüglich des Glioblastoms bekommen hat. So sehr ich mir wünsche, mein Vater wäre noch da, ist es doch gut, dass er vor ihr gegangen ist. Denn mitzuerleben wie Anna vor ihm geht, hätte er nicht ertragen. Das hätte ihm das Herz gebrochen, denn es ist eine unfassbare Ungerechtigkeit.

Tiefes Vertrauen in die Welt. Damit sind wir aufgewachsen. Genug vertrauen, um sich einfach keine Sorgen zu machen, um schon als Kind einfach irgendwohin zu gehen, denn man hat ja einen Schutzengel und die Menschen sind ja gut. Ich hatte ganz lange in mir die Überzeugung, dass alles irgendwie fair ist. Dass manchmal Menschen gehen müssen, es aber immer so etwas wie einen tieferen Grund gibt. Aber was Anna geschehen musste, wie… boshaft das ständige hin und her aus Hoffnung und Niederschlag war… das passt nicht in dieses Bild. Denn Anna ist der liebevollste und lebensfreudigste Mensch, den ich kenne und das hier ist nicht fair. Es ist ungerecht genug, um darüber in einen tiefen Zynismus zu verfallen; wäre Anna nicht so weit weg davon von gewesen, zynisch zu werden.

Als ich im Studium irgendwann an dem Punkt war, an dem sich in etwa abschätzen ließ wie lange ich für was brauche und wie es weiter geht, habe ich einen groben Plan für mein Leben aufgestellt. Nur für die nächsten Jahre, erstmal. Inzwischen mache ich das übrigens nicht mehr, ich denke, es wird schon alles irgendwie einen Weg finden. Aber ein wichtiger Punkt für mich war, dass ich irgendwie in meinen Zwanzigern anfangen wollte Kinder zu kriegen. Nicht weil ich mich schon bereit gefühlt hätte oder es einfach nicht abwarten konnte oder es sonst wir irgendwie in meine Pläne gepasst hätte. Aber Anna wurde in ihren Zwanzigern Mutter. Und mir war klar, dass ich es irgendwie schaffen will, eine so gute Mutter wie sie zu werden. Eine Mutter die nah dran bleibt, die ihre Kinder versteht, weil sie eben nicht im Kopf zwei Generationen weiter sondern genau da ist, wo ihre Kinder sind. Es gibt nichts, das Mutti irgendwie hätte… „besser“ machen können. Ich will noch immer eine Mutter wie sie werden. Irgendwann. Die ehrliches Interesse hat, Liebe, Freude, Verständnis… Die immer auf Augenhöhe bleibt und bei der „anders“ sein etwas ist, das man unterstreicht und lebt. Und liebt. Weil „normal“ auch nur auf die Betrachtungsweise ankommt. Anna war anders. Anna zu sein sollte normal sein. Wir hätten eine buntere, wärmere Welt mit mehr Anna. Und ich freue mich zutiefst hier in einer bunten, warmen Runde von Anna Abschied nehmen zu können. Versuchen wir alle Anna heute und morgen und an den Tagen, die danach kommen, gerecht zu werden und voller Liebe und Freude und Freiheit zu sein.

Titia

 

2 Comments on “

  1. Deine Rede hat mich tief berührt, Titia! Sie erschließt mir eine Dimension Deiner Mutter, die mir bisher so nicht bewusst war! Als um so ungerechter empfinde ich Annas Schicksal, das, was der Krebs ihr antat! Aber ihre Stärke, ihre Zuversicht und ihr Nach-Vorne-Leben wird in Dir und Deinem Bruder weiterleben, da bin ich sicher!
    Exo

  2. Liebe Titia, das haben Sie sehr schön gesagt! Auch Ihr Vater, den ich sehr geschätzt habe, stand mir wieder lebendig vor Augen. Ebenso die Stimmung in Dexbach, Ihre Großmutter, all die Projekte. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Bruder von ganzem Herzen, dass Sie gut durch diese für Sie ja außerordentlich turbulente Zeit hindurch kommen. Hans Heiner hat mir erzählt, dass Sie und Friedrich sich um den Hof kümmern und bis auf weiteres dort bleiben wollen. ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns dort einmal wieder sehen würden. Herzliche Grüße an Sie beide! Ihr Dirk Rohde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.