10 Jahre in Norwegen.

Am 17. Juli ist es genau 10 Jahre her, dass ich nach Norwegen ausgewandert bin. Also Zeit für einen kurzen Rückblick und ein Lebenszeichen.

Ich kann mich noch gut an die Fahrt erinnern. Martin, der den Laster fuhr, Anna in Ihrem Auto, ich mit Muffin in meinem und Titia und Friedrich mit dem Bulli. Eine spannende Reise in die Ungewissheit, alles knapp 6 Monate nach Annas Krebsoperation.

 

Einladen in Marburg
Unser Haus in Søgne
Am Hafen in Hirtshals

Unser schönes Haus mit dem riesigen Garten, dass wir in Søgne (20 km von Kristiansand) gemietet hatten. Die vielen Besuche zu Anfang und die ersten Tage in der Schule und Annas Freude darüber, dass sie wieder eine Schulküche aufbauen und leiten sollte. Annas immer stärker werdenden Rückenschmerzen, der glückliche Kauf unseres Hauses in Alefjær, schließlich der Umzug und Annas erneute Krebsdiagnose. Das alles könnt ihr ja in allen Einzelheiten nachlesen, wenn ihr im Archiv der Homepage blättert und die Geschichte muss ja nicht noch einmal erzählt werden.

Ålefjær

Im Rückblick sind diese 10 Jahr unglaublich schnell vergangen, wahrscheinlich kein Wunder, bei dem was alles passiert ist. Ob ich Deutschland vermisse? Warum ich nicht nach Deutschland zurückgegangen bin, nach Annas Tod? Dass werde ich öfters gefragt. 

Deutschland vermisse ich nicht, ich vermisse meine Familie und meine Freunde. Auch wenn man sich ab und zu besucht, so sieht man sich doch nur sehr selten, viel zu selten und das fehlt mir. Aber die Reise mit dem Auto ist ganz schön lang und mit dem Flugzeug meist ganz schön teuer. Deutschland als Land, vermisse ich nicht, dafür ist Norwegen zu schön und zu entspannt! Es ist ein anderes Lebensgefühl hier, andere Prioritäten. Die Arbeit ist nicht so wichtig, sie ist notwendig. Weiterhin gilt hier: Man arbeitet um zu leben und man lebt nicht um zu arbeiten. Aber so gerne ich auch ab und zu in Marburg bin, so freue ich mich doch immer wieder auf Zuhause. Das Gefühl von Zuhause verbinde ich nicht mehr mit Marburg oder einem anderen Ort in Deutschland.

Eigentlich bin ich aber immer noch dabei das „normale“ Leben in Norwegen kennenzulernen und mich daran zu gewöhnen. Solange Anna da war, war das Leben in Norwegen von ihrer Krankheit geprägt. Es war nichts furchtbares, es war ein wunderbares Leben mit ihr zusammen, aber eben nicht „normal“ oder „gewöhnlich“. Es war uns klar, das wir die Zeit, die wir zusammen haben, genießen und nutzen müssen. Gewöhnlich war daran nichts. Die Herausforderungen des Alltags waren andere, als sie es normalerweise sind. Die Zeit alleine, nach Annas Fortgang, war schwer, aber es gibt mir ein Gefühl der Stärke, dass ich das durchgestanden habe. Dann hatte ich das unglaubliche Glück, dass Anita in mein Leben gekommen ist, ein Neuanfang. Wir bauen uns ein gemeinsames Leben auf und das ist gar nicht so einfach. Ich – und auch sie – sind ganz andere Herausforderungen gewohnt und manchmal denk man, wenn man so zusammen lebt, ob das Leben nun reich genug an Herausforderungen ist, also positiven Herausforderungen. Oft holt einen der Alltag ein, eine Woche, ein Monat vergeht und man frag sich, was man eigentlich erlebt hat. Oft hat man einfach nur vor sich hin gelebt, ohne das Besondere, also die Normalität, wirklich schätzen zu wissen. Da ist die Arbeit und die Pflichten in Haus und Garten. Die Tiere und der Alltag. Alles ganz schön gefüllt mit Aufgaben (ohne Zweifel schöne Aufgaben), aber ab und an frag man sich dann, ob man die vergangene Zeit bewusst gemeinsam genutzt hat. Oder hat man einfach so vor sich hin gelebt, etwas was ich die ganzen ersten Jahre in Norwegen so nicht kannte. Jetzt müssen wir uns etwas gemeinsames aufbauen und nicht einfach warten, dass etwas geschieht. Wir sind es beide nicht gewohnt, dass wir uns selbst und uns zusammen als Paar priorisieren. Das muss schon aktiv geschehen und manchmal müssen wir dann auch gemeinsam „egoistisch“ sein und unsere Wünsche und Bedürfnisse vor die Wünsche von anderen Menschen stellen. So wie das eigentlich ganz normal ist, aber für uns eben lange nicht war und das müssen wir beide lernen!

Auf jeden Fall fahren wir diesen Sommer gemeinsam in Urlaub und Haus und Tiere sind versorgt. Ein entspannter und sicher spannender Urlaub, ohne Pläne und Pflichten, in dem man einfach in den Tag hinein leben kann. Das haben wir noch nicht zusammen gemacht und für uns beide ist es laaaaange her, das wir das machen konnten. Wir freuen uns drauf!

Eine andere Frage, die in den letzten 10 Jahren immer wieder aufgetaucht ist: Wie kann man in einem Land leben, in dem es immer dunkel und kalt ist? Antwort: Seht gut! Das muss reichen 🙂 Im Moment ist es ganz speziell dunkel, jedenfalls versuche ich verzweifelt diese Dunkelheit in unserem Schlafzimmer herzustellen, damit ich nicht immer nur von 2-3 Uhr schlafe… Und im Winter sollten alle, die Fragen, mal nach Norddeutschland reisen und dann ca. 30 Minuten am Nachmittag von der Helligkeit abziehen. Dann weiß man das. 

Der Frühling kommt allerdings wirklich später, dieses Jahr besonders spät, aber dafür um so schöner. Wenn man dann die ersten Male in der Außenküche im Garten sitzt und grillt, dann kann ich die Frage schon verstehen, warum man hier im Sommer überhaupt wegfährt. Aber auch wenn ich nach wie vor jeden Tag dankbar über diesen Ort bin und es noch keinen einzigen Tag gab, wo dieses Haus und dieser Ort für mich gewöhnlich oder gewohnt war, ist es doch ab und zu mal schön etwas anderes zu sehen 🙂

 

Ich bin ab und zu im Zweifel, ob ich den Blog fortführen soll. Es passiert ja nicht so viel, wir versuchen uns ja an einem „normalen“ unaufgeregten Leben und ich will niemanden langweilen mit Alltagsgeschichte, die jedem passieren können. Ich würde mich über Nachrichten freuen, ob ich den Blog fortsetzen soll (dann wieder regelmäßiger) und ob es Dinge gibt, die ihr gerne wissen würdet, über Norwegen oder das Leben hier. Sagt einfach Bescheid.

Ich melde mich aber auf jeden Fall mit einem Urlaubsbericht.

Liebe Grüße und einen schönen Sommer

Tim + Anita

 

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.