Der Abstieg…

September 18, 2021

Die Küche in frischem Grün.

Grillen mit Mama und Jörg.

Aidan und Grit.

Beginn meiner Bruchrechnenepoche....

 

Der Abstieg...

2005 hat unsere gemeinsame Reise begonnen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den gleichen Schritt zu finden (Anna war für mich einfach zu schnell), gelang es uns dann doch sehr bald im Gleichmaß nebeneinanderher zu gehen. Erstaunlich schnell haben wir die ersten Gipfel erreicht, die verschiedenen Aussichten genossen, bei Hindernissen hat mal der Eine, dann der Andre geschoben oder gezogen, so dass wir immer gemeinsam dorthin kamen, wo wir wollten. Welch ein Glück, welch ein Geschenk!
2016 waren wir dann durch Willenskraft und glückliche Fügung plötzlich an einen anderen Ort versetzt. Die Landschaft hatte sich verändert, war ursprünglicher, steiniger, aber auch vielfältiger als die Wege, die wir vorher gemeinsam beschritten hatten. Trotz Annas gesundheitlicher Probleme und Herausforderungen, ging der Weg weiterhin bergauf. Welch eine Aussicht, das Meer war plötzlich so nah und der Himmel spiegelte sich auf die vielfältigste Weise in den glitzernden Fluten. Selbst die Wolken, die hin und wieder den Himmel überzogen und die die Wasseroberfläche sichtbar machte, als Anna es zunehmend schwerer fiel ihren Nacken zu bewegen, wirkten wie kleine spielerische Herausforderungen, auch wenn sich Gewitterwolken andeutenden. Vor fast genau 2 Jahren fing dann der Weg an plötzlich abwärtszuführen. Jenem unbekannten Ziel entgegen, dem alle Menschen irgendwann entgegengehen. Aber selbst jetzt fanden sich Zeiten und Möglichkeiten, den Abstieg nur langsam zu unternehmen und kleine Pfade zu finden, die bergauf und dem unvermeidlichen entgegenführten. Diesen Sommer gingen wir lange auf einem wunderschönen Plateau miteinander. Die Luft war nicht mehr so klar und frisch wie auf den Höhenketten, aber die Sonne schien und wir begegneten so vielen lieben Mensch, die uns schon so oft auf unserem Weg begleitet hatten. Günther und Eckhard begleiteten uns 10 Tage lang und anschließend gingen meine Mutter und mein Stiefvater Jörg ein Stück des Weges mit uns. Wie haben wir das genossen. Dann kam Sandra, verschönerte unermüdlich unsere Unterkunft, Annas Bruder Aidan mit seiner Frau Grit haben uns mit frischem Fisch versorgt und all das ließ uns fast vergessen, dass der Weg fast unmerklich aber doch trotzdem hinab führte. Seit 3 Wochen ist der Weg allerdings sehr viel steiler geworden. Wenn Anna sich hinsetzt, um auszuruhen, kann sie kaum noch alleine aufstehen und auch das Gehen selbst wird zunehmend schwerer. Ihre linke Seite gehorcht ihr immer weniger und trotz der Hilfe, die sie von mir und Gunvor bekommt (die uns zum Glück seit Anfang September wieder zur Seite steht), ist es für Anna unglaublich schwer ihre Selbständigkeit mehr und mehr einzubüßen. Es wird deutlich, dass der Weg zum Ziel nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt und es schmerzt so sehr, dass wir dieses Ziel nicht gemeinsam erreichen können und einer von uns zurückbleibt. Wir wissen, dass wir uns später wiedersehen, aber das wird hoffentlich noch etwas dauern, auch wenn einen die Sehnsucht und der Wunsch zusammen zu sein, dieses Warten sicher erst einmal furchtbar schwer aushalten lässt.
Wir hoffen jetzt so sehr, dass Annas Kräfte ausreichen, um Anfang Oktober noch einmal ein Stück bergauf gehen zu können und die Sonne Kretas auf uns scheinen zu lassen. Es ist jedenfalls alles vorbereiten und wir sind guten Mutes. Wir haben so viel zusammen erreicht, so viele Gipfel erklommen, sind über Klüfte und Abgründe gesprungen, als ob er kleine Pfützen wären und haben uns gestützt, geholfen, geschoben, gezogen – gemeinsam! Jetzt gehen wir auch den letzten Teil des Weges zusammen, der uns noch bleibt. Genießen es, halten uns gegenseitig fest und wissen doch, dass die Zeit zum Loslassen nicht erst in 30 Jahren kommt, so wie wir uns das gewünscht hatten, sondern viel zu früh. Alle Heilkräuter, die es zu finden gab sind ausprobiert, alles was getan werden konnte, ist getan. Nun heißt es hoffen, beten und das große unbekannte Ziel ohne Angst und Verzweiflung willkommen zu heißen, wenn es für Anna dann erreicht ist. Noch ziehe ich, so stark ich kann in die andere Richtung, aber auch meine Kräfte werden nicht ewig reichen und dann hilft hoffentlich die Gewissheit, dass es Anna dort, wo sie dann ist, gut geht und sie von all den lieben Menschen umgeben ist, die das Ziel vor ihr erreicht haben.
God tur!
Alles liebe von uns an Euch und wir melden uns (hoffentlich) von Kreta.

Bis bald.
Tim & Anna

P.S.: Entschuldigung für den schwülstigen Text, aber mir war nicht nach den üblichen Beschreibungen. Das nächste Mal wieder "normal", versprochen!

16 Comments on “Der Abstieg…

  1. Dein Text berührt mich und macht mich traurig, lieber Tim! Ich hätte euch noch so viel mehr Leben und Gemeinsamkeit gewünscht! Gleichzeitig ist es erstaunlich und ein leuchtendes Beispiel, wie ihr auch den dunkelsten Tagen noch helles Licht abgewinnt! Ich wünsche euch weiter eine so starke Haltung und dass euch noch viele schöne Momente beschieden sein mögen!

  2. Liebe Anna , Du bist beispiellos mit Deiner Lebensfreude ,Deinem unermüdlichen Lebenswillen und Deiner Tapferkeit .Wir bewundern Dich und hoffen so sehr ,dass Dein letzter Wunsch nach Kreta zu kommen noch in Erfüllung gehen kann .
    Lieber Tim , wir sind sicher ,dass Anna in Dir einen liebevollen und starken Begleiter auf ihrem letzen Weg zur Seite hat und wünschen Euch viel Kraft und den Sternenhimmel von Kreta.
    Herzliche Grüße
    Beate , Günter und Paula

  3. Lieber Tim,
    ich bewundere Deine grenzenlose Liebe zu Deiner Anna.
    Ich kann nicht in Worte fassen was ich beim lesen empfunden habe.
    Meine absolute Hochachtung vor Dir und Deiner lieben Anna.
    Über die Jahre habe ich sehr viel an Euch beide gedacht und stets auf ein Wunder gehofft. Es ist so traurig.

  4. Hallo ihr zwei,
    Vielen Dank für diese schönen, ehrlichen, liebevollen und sehr berührenden Worte.
    Alles Liebe und Gute für euch auf Kreta.
    Herzliche Grüße
    Petra Vogel

  5. Ich denke nicht, dass Aufrichtigkeit angesichts der Erkenntnis des Unvermeidlichen „schwülstig“ ist. Es würde eher seltsam anmuten, wenn das, was Geschehen wird, keinen Niederschlag finden würde.
    Möge die Reise nach Kreta stattfinden können und euch Kraft schöpfen lassen für den Abschied. Mein Wunsch für euch von ganzem Herzen.
    Christine

  6. Vielen Dank, lieber Tim, dass du dir so tief ins Herz schauen lässt und dass wir dort deine Liebe zu Anna leuchten sehen! Das ist ein Geschenk und keineswegs schwülstig. Es ist wunderbar ehrlich emotional.
    Ach, und liebe Anna, deine Stimme schwingt in meinem Ohr und ich sehe dich hinter dem Tresen der Schule in Marburg, wie du mich anlachst und ich einen Kaffee bekomme. Und wie du dir selbstverständlich Zeit nimmst für mich in dem ganzen Küchen-Trubel. Und so viele andere Situationen habe ich vor meinem inneren Auge. Weißt du noch, wie wir mit Salz, Lachen und Kaffee den unguten Geistern der Cafeteria – mit Erfolg – den Garaus gemacht haben? Und und und…. Deine fröhliche Lebendigkeit und dein Handlungsmut sind einzigartig! All diese schönen Erinnerungen bleiben. Nun wünsche ich dir, dass Kreta in Erfüllung geht und dass du NICHT leiden musst, um auf die andere Seite zu gelangen. Du hast einen großen Platz in meinem Herzen, du tapfere und großherzige Kämpferin! Deine Sabine

  7. Lieber Tim, vielen Dank für deinen „schwülstigen“ Text, der mich hier mit tränenverschleierten Augen antworten lässt, der so sehr zeigt, mit welcher Liebe, Kraft und Mut ihr Beide zusammen diesen Weg gegangen seid und immer noch geht. Ich freue mich sehr, dass Anna neben ihrer Familie einen Menschen wie Dich an ihrer Seite hat, um diesen Abstieg, der schwerer als alle anderen bisherigen steilsten Aufstiege ist, zu gehen.
    Ich gebe die Hoffnung nicht auf, euch beide hier auf Kreta in die Arme schließen zu können.

  8. Lieber Tim, Du beschreibst, was Liebe ist! Es sollte mehr Menschen wie Euch geben! Einen sehr beschwerlichen Weg mit solcher Hingabe zu gehen, nie aufzugeben, Anna zu unterstützen! Ich wuensche Euch so sehr, dass Anna Kreta nochmal erleben darf.

  9. Bitte weiter so, lieber Tim! Deine Zeilen haben mich tief berührt. Ich wünschte sehr, ich könnte mehr tun als beten, euch beiden lieben beständig das Beste zu wünschen und euch in Gedanken nach Kreta fliegen zu sehen. Geht euren Weg so mutig weiter wie bisher, ich sehe, ihr seid in jeder Hinsicht in guten Händen … Seid umarmt!

  10. Wir sind froh, dass ihr in Norwegen ein zu Hause voller Naturschönheit gefunden habt, welches in schwersten Momenten die Seele umarmen und Wärme geben kann. Die Liebe die euch verbindet spürt man in jeder Zeile des Blogs. Wir senden Euch Kraft und wünschen Euch von Herzen noch viele innige, gemeinsame Stunden, voller Liebe. Ronja G und Familie

  11. Liebe Anna, lieber Tim,
    ich weiß nicht, ob ihr schon zu der „überschaubaren“ Reise nach Kreta aufgebrochen seid. Ich hoffe und wünsche es euch, dass diese irdische Reise Anna noch möglich ist und sie es schafft, das auch zu genießen. Niemanden können diese wunderbaren Worte kalt lassen, an denen du, Tim, uns hast teilhaben lassen. Ich glaube, dass Anna in jedem Falle auf einem guten Weg ist, wo auch immer er sie hinführen möge. Meine guten Gedanken begleiten euch beide – so weit wie möglich gemeinsam, aber auch darüber hinaus. In meiner Teenagerzeit bastelte ich mir eine eigene Philosophie darüber, was nach dem Tod mit uns geschieht, und ich möchte so gerne noch heute daran glauben: dass wir dann zu Zeit im Leben unserer Lieben werden. Das wünsche ich euch!
    Die schwedische Dichterin Karin Boye hat ein wunderbares Gedicht geschrieben, bei dem ich immer an Annas Weg denken muss. Das Ganze ist zu lang für einen Kommentar, aber die Kernaussage geht so:
    Vart gick sen vår evighet?
    Hur glömde vi bort
    dess heliga hemlighet?
    Vår dag blev för kort.
    Vi strävar i kramp,
    vi formar i strid
    ett verk, som skall bli evigt –
    och dess väsen är tid.
    Wohin ist unsere Ewigkeit gegangen?
    Wie haben wir vergessen
    ihr heiliges Geheimnis?
    Unser Tag wurde zu kurz.
    Wir bemühen uns in Krämpfen,
    wir formen im Kampf
    ein Werk, das ewig sein wird.
    und sein Wesen ist die Zeit.

  12. Liebe Anna und lieber Tim,
    ehrlich gesagt habe ich das Aufrufen des Waldorftrolls zuletzt immer wieder verzögert, weil die Zeichen schon nicht gut standen. Aber das wohl Unvermeidliche nur nicht lesen zu wollen, sondern es wie ihr beiden mit all‘ eurer Zuversicht und Liebe, aber vor allem mit Ängsten, Hoffnungen und auch dann Enttäuschungen durchstehen zu müssen, das relativiert dann doch alles.
    Ich kann nicht ermessen, wie unendlich schwer der „Abstieg“ für euch beide und eure Familien ist, aber ich wünsche euch alle Kraft der Welt und ein Wiedersehen! Und für die Mitnahme auf eure Reise gen Norden und die vielen vielen Eindrücke und Einsichten in euer Abenteuer (welches euch niemand mehr nehmen kann) von mir ein ganz großes und liebes Dankeschön. Denn zwei wie euch trifft man nicht alle Tage!
    Von Herzen „God tur“ euch beiden!
    Volker

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