Februar 11, 2017

Ausschnitt aus der Freitagszeitung

Montag früh

Dienstag früh

Wann ist endlich April?

Wir warten. Dass es April wird. Und wir in unser Haus ziehen können.

Hier ist es endlich Winter geworden. Am letzten Montag hat es angefangen zu schneien und die Welt ist in weiß getaucht. Die Schneeglöckchen, die wir zu hunderten im Garten haben (und die ganz kurz vor der Blüte standen), sind nun unter einer dicken Schneeschicht begraben und warten darauf, wieder das Licht und die Sonne zu erblicken. Die Straßen werden rund um die Uhr geräumt, so dass es keine Probleme bereitet am Morgen in die Schule zu fahren. Tim hat seine Epochen hinter sich gebracht und hat Zeit, die Einfahrt vom Schnee zu befreien, bevor er in die Schule fährt.
Aber trotzdem warten wir nur darauf, dass es endlich April wird und eigentlich ist es uns egal, ob Schnee liegt oder nicht...

Solange können wir Euch etwas allgemein über Norwegen und unsere Gegend erzählen.

Religion: Vor 1000 Jahren wurde Norwegen christianisiert, seit 1500 evangelisch reformiert. Vor 100 Jahren war die Mitgliedschaft in der Kirche Pflicht, seitdem gibt es Religionsfreiheit.
Rund 80% der Norweger sind Mitglieder in der „Volkskirche“, davon gehen jedoch nur 12% etwa einmal im Monat in die Kirche. Ansonsten zu Taufen, Beerdigungen und zu Weihnachten.
Sonst sind etwa 4% Muslime, 0,5% Hindu und 0,6% Buddhisten. Wenn eine neue Moschee gebaut werden soll schreien hier auch alle auf, weil sie glauben islamisiert zu werden - von 4-5% der Bevölkerung...
Seit letztem Jahr kann man sich online aus der Volkskirche abmelden, was in kürzester Zeit viele machten.
Nun sind seit dem 1. Januar 2017 Staat und Kirche getrennt. Jetzt heißt die Kirche nicht mehr „Staatskirche“, sondern „norwegische Volkskirche“.
Eine große Kirchenkonferenz in Trondheim Ende Januar wurde eng von den Medien begleitet, u.a. wurde dort beschlossen, die Kirche für gleichgeschlechtliche Ehen zu öffnen und eine entsprechende neue Liturgie zu schreiben.
Darauf riefen viele freie evangelische Gemeinden ihre Mitglieder dazu auf auszutreten.

Die Südküste Norwegens wird im Volksmund auch „Bibelbelte“ (der Bibelgürtel) genannt. Hier gibt es sehr viele christliche Gemeinden, mehr oder weniger extrem. Die größte freie Gemeinde ist die Pfingstgemeinde mit vielen, vielen Untergruppen. Hier in Kristiansand gibt es mehrere Schulen und ein riesiges neues Tagungszentrum „Q-42“ der Philadelphia Gemeinde.
Die Anzeigen der diversen Gemeinden füllen Freitags ganze Seiten in der Tageszeitung.
Einige dieser Gemeinden sind erschreckend, Familienmitglieder die austreten möchten brauchen ein gutes Auffangnetz.
Warum es grade hier so viele streng gläubige Menschen gibt weiß ich nicht, das ist tief verwurzelt. Vielleicht ist eine Erklärung, dass viele Menschen hier früher zur See fuhren. Dort waren sie den Elementen ausgesetzt und beteten, dass alles gut geht. Genauso beteten die Daheimgebliebenen. Auch ist die Natur „größer“ hier, die Menschen dadurch etwas demütiger ihr gegenüber.
Wir persönlich haben noch kaum Berührungspunkte mit den diversen Gemeindemitgliedern gemacht, an der Waldorfschule arbeiten ja meist eher „Freigeister“.
Einen Kollegen haben wir in der Weihnachtszeit eingeladen, er jammerte, dass es in seiner Familie keinerlei Festlichkeiten gebe, da alle Jehovas Zeugen waren.

Uns ist es völlig egal welche Religion jemand hat, es kommt ausschließlich auf den Menschen und seine Persönlichkeit an.

In der Schulküche hier spielt es auch keine Rolle, da es nur vegetarische Küche gibt.
Im Nachhinein verstehe ich aber viel besser, warum einige Schüler muslimischen Glaubens nie bei mir in der Marburger Schulküche gegessen haben. Es gab zwar kaum Schweinefleisch, aber wenn, dann wurden dafür keine besonderen Pfannen benutzt. Wenn man sich etwas mehr mit dem Thema beschäftigt, ist das ganz klar zu riskant.
Insgesamt habe ich viel dazugelernt und ein breiteres Spektrum und mehr Phantasie in der Essenzubereitung bekommen, seitdem ich in der Schulküche ausschließlich vegetarisch koche.
Eine Ausnahme gab es übrigens: Die 4. Klasse war einen Tag mit einem Fischerboot auf dem Meer, hat 3 Dorsche und etliche Krebse gefangen und mit mir eine leckere Fischsuppe zubereitet.

Nun zur Sprache:
Alle meine norwegisch-Schüler wissen, dass ich gerne „Bokmål“ spreche, das „hochdeutsch“ der Norweger. Die 2. offizielle Sprache ist „Nynorsk“, eine Sprache die vor gut 100 Jahren „gegründet“ wurde und als die eigentlich ursprünglichere gilt. (Hat eine ganz eigene Grammatik und ist Pflichtfach in der Schule). Bokmål ist sehr geprägt von der dänischen Besatzungszeit, die immerhin 400 Jahre währte.

Rot: Bokmål
Blau: Nynorsk
Grau: neutral
 

Wie ihr auf der Karte seht wird hier im Süden eigentlich Bokmål gesprochen, aber denkste!
Anfangs war mein häufigster Satz: Hæ??
Kannst du das bitte auf bokmål wiederholen?

Jetzt gehts langsam besser mit dem Verständnis..
Die sprechen halb dänisch hier! Alles wird weich genuschelt, "t" wird zu "d".
Z.B. Boot: Bokmål: båt, sørlands: bååååd
Schlüssel: statt nøkkel sagen sie nøyl
Dann gibts natürlich noch ganz besondere Wörter, z. B. Bløtkake (Torte) heisst Blaudis
Oh Mann, schön ist anders!
Und je weiter man ins Innland kommt, desto krasser wird es.
Die Sørlendinger sind dafür bekannt, dass sie bedächtig sind, selten direkt ihre Meinung sagen, nicht fluchen und alles etwas langsamer angehen lassen. Hier sieht man selten jemanden rennen. Außer die Jogger...
Wenn ich mal laut fluchen muss (muss manchmal sein!), tue ich das meist noch auf deutsch. Oder gebe ich (ohne Nachzudenken) meine Meinung kund, dann kichern die Leute um mich herum. Vielleicht sind sie auch nur peinlich berührt...
Ich fürchte aber, unsere norwegischen Schüler können alle schon Scheiße sagen (klingt allerdings ganz süß, da die wirklich große Probleme mit der Aussprache eines „ß“ haben...)

Wir warten jetzt, dass es endlich April wird (haben wir das schon gesagt?) und wir in unser Haus ziehen können.

Ab dem 18. Februar sind hier eine Woche Winterferien und vielleicht fangen wir dann schon mal an, ein paar Kartons zu packen...

Wir werden bald wieder von uns hören lassen.

Liebe Grüße

Anna & Tim

4 Comments on “

  1. Hallo aus Marburgs Umgebung!
    Wir freuen uns immer sooo sehr, wenn wir etwas Neues von Euch hören (lesen).
    Hier ist es jetzt milder geworden, diese Woche war es um die 0 Grad. Der Boden ist aber noch tief gefroren, nur die obere Schicht ist „schön“ matschig. Die Bäche tauen auf, aber teilweise ist noch eine 10 cm dicke Eisplatte darauf. Die Schneeglöckchen haben auch schon ihre Nasenspitzen aus der Erde gereckt. Alle hier warten auf den Frühling. Helena „muß“ aber noch einmal in den Winter und mit Herrn Jennemann zum Skilaufen im März.
    Samstag war Elternsprechtag von 1.-8. Klasse. Nächsten Samstag ist die 9.-13. Klasse dran. Es gibt viele kranke Leute hier. Diese blöde Erkältung hat auch bei 80 % die Angewohnheit, wieder zu kommen.
    Hier werden die Tage schon deutlich heller und es wird abends erst nach 17.30 Uhr dunkel. Ich warte schon auf die Kraniche… .
    Liebe Grüße von Heidi, Michael, Helena und Simon Schüßler

    1. Hier ist es auch erst ab 18 Uhr wirklich dunkel. Jedenfalls wenn es nicht bedeckt ist. So langsam holen wir, was die Helligkeit angeht, wieder auf 🙂

  2. Liebe Anna, Lieber Tim,
    na, der Kommentar zur Sprache schreit doch förmlich nach einem Besuch meinerseits!! Ich werde mich prächtig verständigen können ;P
    Marburg steht noch, aber das wisst ihr ja, und das Leben hier geht weiter, ein bisschen weniger idyllisch und exotisch als bei euch, aber dafür werden wir ja von euch mit Fotos versorgt!!
    Wir planen im Juli nach Norwegen zu fahren, (wenn es nicht nach 2 Wochen Regen aussieht, dann bleiben wir lieber irgendwo in der Sonne hängen)… dann kommen wir mal bei euch vorbei!
    Liebe Grüße von Conni und Familie

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