April 11, 2020

Im Wald

Die Terrasse hatte es wieder nötig...

Frohe Ostern.

Eigentlich hätten wir jetzt Besuch von unseren lieben Freunden aus Berlin, aber so wie ihr auch, dürfen wir keinen Besuch bekommen.
So gaaanz langsam kehren meine Kräfte, Energie und Motivation nach der Chemo zurück, viel zu langsam für meinen Geschmack...
Bei gutem Wetter beginne ich im Garten zu werkeln, viel geht noch nicht, da es Nachts immer mal wieder fröstelt, aber im Gewächshaus ist jetzt, in Töpfen, einiges ausgesät. Natürlich streng nach dem Thun-Kalender, funktioniert einfach am Besten.
Ansonsten hat sich für mich im Alltag erschreckend wenig verändert seit den Corona-Beschränkungen, außer das Tim „lieber“ selbst einkaufen fährt um mich zu schützen. Hier sollen Kindergarten und Grundschulen Ende April wieder öffnen, er bezweifelt aber, daß er selber auch in die Schule geht, da ich zur Hochrisiko-Gruppe gehöre wegen der Chemo. Als ich zu meinem monatlichen Krankenhausbesuch kam und natürlich vor der Tür gründlich befragt wurde (und mir die Nase putzte) wurde ich erstmal zum Testen geschickt. Keine schöne Erfahrung - aber wie erwartet war der Test negativ. Wüsste auch nicht wo ich mich hätte anstecken sollen.
Es ist schon eine verrückte Zeit - nicht wahr? Wir fühlen sehr mit denen von Euch die jetzt finanziell kämpfen!
Hier in Norwegen ist die Lage recht ähnlich der in Deutschland (unten mehr).
Jetzt muss ich mal von unserer Nachbarschaft schwärmen - eine Nachbarin bringt immer mal wieder Gebäck vorbei, ein Nachbar hat mein (und Tims) Auto von außen und innen gewaschen, einfach so angeboten! Ich backe dann ein Brot mehr, bringe es vorbei und die freuen sich!
Brot backen macht mir zur Zeit Spa, und so lange mein eigener Sauerteig so gut geht, mache ich das Gefrier voll. Und probiere auch neue Rezepte.
Ansonsten habe ich den Kopf voller Pläne, was ich alles machen möchte, wenn die Kräfte zurückkehren. Und hoffe inständig noch die Zeit zu haben...
Mein Geheimnis ist Verdrängen. Natürlich geht das nur Tagsüber, sobald ich im Bett liege gehts im Kopf los und ich verarbeite mein bisheriges Leben. Alles verdrängte kommt zum Vorschein - alte Gefühle werden neu verarbeitet, gute wie schlechte. Heftig aber notwendig.
Gesundheitlich ist absolut nix Neues zu Berichten, mein Schädel wird erst im Mai wieder durchleuchtet, aber wenns da wieder los geht, merke ich das sofort. Und ich bete, dass da jetzt einfach nix passiert - gegen alle Prognosen. Auch bete ich für eine liebe Freundin, die es grade sehr schwer hat - auch Krebs - wieso trifft es immer die, die es echt nicht verdient haben?

Wir wünschen Euch schöne Ostertage und Kopf hoch - irgendwann dürfen wir uns wieder in den Arm nehmen!
Anna

Hier ein paar Fakten zur Pandemie in Norwegen:
Wir haben hier (Stand 11.4) 6400 Coronafälle. Um das in einen Vergleich zu Deutschland zu bringen, muss man die Zahlen mit 16 multiplizieren. (Norwegen 5 Millionen Einwohner, Deutschland 80 Millionen ). Hier sind bislang 117 Menschen gestorben (entspricht also 1872 in Deutschland). Die Zahlen der Erkrankten, die im Krankenhaus liegen gehen seit 1 Woche stetig zurück, ebenso die der Patienten, die ein Beatmungsgerät benötigen. Hier kann man das alles sehr gut nachvollziehen, da es in ganz Norwegen nur 41 Krankenhäuser gibt die Coronafälle behandeln und die liefern täglich die Zahlen. Daneben gibt es natürlich noch spezielle Krankenhäuser (wie meine Rheumaklinik), die aber vorerst nichts mit den Coronafällen zu tun haben. Die Kapazitäten der Intensivbetten wurden massiv aufgestockt und haben zum Glück gereicht. Nur in Oslo wurden Befürchtungen laut, dass die Plätze nicht ausreichen. Das mit dem social distancing ist hier natürlich etwas einfacher als in Deutschland. In Norwegen leben 14 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Deutschland 232. Dafür sind die Versorgungswege länger und die Kapazitäten der einzelnen Krankenhäuser je nach Einwohnerdichte sehr begrenzt. Deshalb gab es über Ostern das sogenannte Hüttenverbot, d.h. keiner durfte zu seiner Hütte fahren, wenn diese in einem anderen Landkreis lag und das hat viele schwer getroffen, da man hier traditionell Ostern auf der Hütte verbringt. Aber die kleinen Orte haben keine Kapazitäten in ihrer Gesundheitsversorgung um dem Herr zu werden, wenn dann Leute plötzlich krank werden. Und wenn die mit dem Hubschrauber geholt werden müssen, dann muss hinterher erst der Hubschrauber desinfiziert werden. Das dauert 2 Stunden und in dieser Zeit steht er dann nicht für Notfälle zur Verfügung. Aber ich denke, es gibt schlimmeres.
Am Dienstag geht die Schule wieder los mit Heimunterricht. Ab dem 20. April öffnen dann die Kindergärten und ab dem 27. April die Klassen 1 bis 4. Die Regierung hofft, dass die großen dann noch vor den Sommerferien zurückkommen können. Alle Abschlussprüfungen sind abgesagt und die Schüler bekommen ihre Zeugnisse aufgrund ihrer Leistungen über das gesamte Schuljahr.
Wir sind gespannt wie das alles klappt und ob die Zahlen wieder nach oben schnellen. Das werden wir dann in 6 Wochen wissen. Die Geschäfte hatten hier alle ohnehin die ganze Zeit offen (außer Friseuren, Physiotherapeuten etc. - die dürfen ab dem 27.4. auch wieder arbeiten - mit Auflagen), allerdings war so wenig los, das viele kleine Läden von sich aus geschlossen haben.
Ansonsten werkele ich in Haus und Garten und informiere mich umfassend über die aktuelle Situation. Ich rege mich furchtbar über die ganzen Posts und Videos von den angeblichen Experten auf, die die ganze Situation herunterspielen und die Maßnahmen für völlig überzogen haben. Die Sterblichkeitsrate sei ja gar nicht so hoch, oft auf andere Ursachen zurückzuführen, und die Leute die sterben, seien schließlich sehr alt oder hätten Vorerkrankungen und wären ja ohnehin gestorben. Das ist so, als wenn man die Menschen, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen und eine Vorerkrankung hatten, aus der Verkehrstoten-Statistik herausgerechnet. Natürlich bin ich da persönlich betroffen, aber wenn man mir sagt, dass Anna, wenn sie sich infiziert und dann stirbt, ja ohnehin an Krebs gestorben wäre und das die Zeit, die uns dann aber eigentlich noch geblieben wäre, nicht zählt (natürlich nur statistisch gesehen), dann werde ich sehr wütend (und das werde ich sehr selten). Ich habe inzwischen seitenweise Links mit Faktencheks von seriösen und überprüfbaren Quellen, zu allen möglichen Behauptungen und Verschwörungsmythen und kann allen, die es wollen, gerne weiterhelfen.

Ich wünsche Euch frohe Ostern, bleibt gesund und genießt den Frühling!
Tim

5 Comments on “

  1. Liebe Anna, lleber Tim,
    Danke für die aufschlussreichen Fakten zur Covid-19 Situation aus 1. Hand. Lena hat sich entschieden in Bergen zu bleiben, da sie sich dort sicherer fühlt – ich kann das absolut verstehen.
    Leider mussten wir aber unsere geplante Norwegen-Reise im Mai stornieren, da es uns zu unsicher erschien, ob wir überhaupt durch Dänemark kommen, und je länger man wartet mit der Stornierung um so teurer wird es leider.
    Es freut uns zu hören, dass es Dir Anna momentan so gut geht, dass Du in Küche und Garten werkeln kannst. Wir werden hier gerade mit sommerlichen Temperaturen verwöhnt und ich bin froh auf dem Land zu wohnen und ebenfalls im Garten arbeiten zu können. Die Entschleunigung wirkt sich für uns positiv aus, weniger Verkehr, weniger Lärm, wir treffen viele Dorfbewohner beim Spazieren gehen anstatt aus dem Auto herauszuwinken…Einkaufen ist zur Zeit weniger schön, aber hier organisieren wir uns so, dass wir nur 1 x in 14 Tagen raus müssen. Bentley, unser Labbi findet es toll, dass wir jetzt schon so lange zu Hause sind. Passt weiterhin gut auf Euch auf. Wir wünschen Euch frohe Ostern mit viel Sonne! LG Petra & Frank mit Daniel

  2. Liebe Anna,
    lieber Tim,
    wie jedesmal habe ich auch diesmal alles von Euch aufmerksam gelesen. Bin nicht so der Schreiber oder Kommentierer.
    Ich kann Annas abendliche Gedanken nur zu gut nachvollziehen.
    Das was Du, Tim, geschrieben hast – über das was Dich zornig macht – ich sehe das genauso. Da schwillt mir manchmal der Kamm!
    Ihr beide macht Eurer Ding gut!
    Lasst es Euch an påske gut gehen – und danach selbstverständlich.
    Liebe Grüße
    Uwe
    (Annas ehemaliger ewiger Anfänger-Schüler)

  3. Frohe Ostern aus Bulgarien!
    Liebe Anna, es freut mich, dass Du am Werkeln bist und ich wuensche Dir, dass Deine Kräfte zurückkommen und Du all das machen kannst, was Dir am Herzen liegt. Herzliche Grüße und haltet die Ohren steif! Johanna

  4. Frohe Ostern und ganz liebe Grüße von Kreta.
    Ich vermisse Euch und jedes Mal wenn ich von Euch lese, nehme ich mir, euch dringend in den nächsten Tagen eine ausführliche Mail zu schreiben. Klappen tut das nur leider nie.
    Aber es vergeht keine einzige Woche, in der ich nicht an euch und ganz speziell an dich liebe Anna denke. Ich habe einmal von dir eine Karte bekommen, auf der steht „Ich stricke besser als ich koche“ (woher wusstest du ? 🙂 ) und den „Strikke Kaffee“. Beides, also Karte und leere Kaffeeverpackung, hängen an meiner Pinwand und oft wenn ich am Stricken bin, denke ich an dich und wünsche mir, noch einmal ein paar Maschen mit dir zusammen stricken zu dürfen.
    Passt auf euch auf und genießt die Ostertage.
    Liebe Grüße
    Nadine
    PS: Danke Tim für das schöne Video von Muffins Fellpflege durch „Blaubeere“ – ich hab mir das bestimmt schon 20 x angeschaut.

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